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Schlagwort: Führung

Holger Lehmann Kolumne aus dem Leben eines Beraters

„Ich muss hier alles machen!“ – Wenn der Chef zum Engpass wird

„Herr Lehmann, ich muss hier alles machen.“

Dieser Satz fiel mitten im Gespräch. Nicht resigniert, sondern erschöpft.
Der Geschäftsführer hatte genug und war gleichzeitig Teil des Problems. Und das wusste er auch.

Ein vertrautes Muster – mit ungeahnten Folgen

In einem Projekt lernte ich einen Geschäftsführer kennen, der aus dem eigenen Unternehmen in die Führungsrolle hineingewachsen war. Rund 100 Mitarbeitende zählte die Organisation inzwischen.
Was ihn zunehmend belastete, war nicht das Wachstum, sondern die Art, wie gearbeitet wurde.

„Ich werde mit jeder Entscheidung, jeder Frage, jeder Unsicherheit konfrontiert. Und dann übernehme ich es auch noch.“

Was er beschrieb, war kein Einzelfall, sondern ein organisationales Muster.
Sein Vorgänger hatte die Mitarbeitenden stark entlastet, vieles selbst übernommen, vieles selbst entschieden. Die Organisation hatte gelernt: Verantwortung geht nach oben.
Und obwohl der neue Geschäftsführer das erkannt hatte, fand er keinen Ausweg. Zu groß war die Sorge, Mitarbeitende könnten sich zurückgestoßen fühlen. Zu stark der Wunsch, die familiäre Kultur zu bewahren.

Der Coachingprozess: Entlastung durch Klarheit

Im Coaching sprachen wir darüber, welche Erwartungen, Ängste und inneren Haltungen ihn leiteten.

  • Was befürchtet er, wenn er loslässt?
  • Was würde sich verändern, wenn er konsequenter delegiert?
  • Wie sähe eine Organisation aus, in der Verantwortung nicht an ihm kleben bleibt?

Gemeinsam entwickelten wir konkrete Maßnahmen. Keine großen Umbrüche, sondern klare Spielregeln im Kleinen. Ein Beispiel: Wer an seiner Tür klopfte, wartete auf ein „Herein“. Kam keins, ging man wieder. So einfach, so wirkungsvoll. Allein diese Geste schuf Raum.

Was sich verändert hat

Erstaunlich schnell zeigte sich Wirkung.
Führungskräfte und Mitarbeitende hielten sich an die neuen Regeln. Sie übernahmen Verantwortung, trafen Entscheidungen, suchten eigene Lösungen.
Der Geschäftsführer konnte sich auf das fokussieren, was seine eigentlichen Aufgaben sind: Strategie, Entwicklung, Gestaltung.
Heute, wenn ich mit ihm spreche, höre ich nicht mehr:

„Ich kann nicht mehr.“

Sondern:

„Es geht mir gut. Ich habe wieder mehr Zeit für meine Familie.“

Er lächelt dabei. Er wirkt ruhiger. Und er verlässt das Büro zu einer vernünftigen Uhrzeit.

Hintergrund: Organisationen folgen Mustern

Organisationen sind soziale Systeme. Und sie verhalten sich entsprechend. Wie Strom fließt Verantwortung oft den Weg des geringsten Widerstands. In diesem Fall hatte sich ein Muster etabliert: Der Chef macht’s schon. Dieses Muster wurde durch das Verhalten des Geschäftsführers selbst gestützt, aus gutem Willen, aber mit hoher persönlicher Belastung. Der entscheidende Schritt war, dieses Muster zu erkennen und dann bewusst zu unterbrechen.
Im Coaching betrachteten wir verschiedene Führungsstile, analysierten typische Situationen und erarbeiteten:

  • Was passt wirklich zu ihm als Führungspersönlichkeit?
  • Wie kann er das im Alltag umsetzen?
  • Und wie gelingt es, aus dem reaktiven Handeln in ein gestaltendes Führen zu kommen?

Fazit: Wer Verantwortung teilt, gewinnt Gestaltungskraft

„Ich muss hier alles machen“ ist kein Ausdruck von Stärke, sondern ein Warnsignal.
Es zeigt, dass Verantwortung nicht dort liegt, wo sie hingehört. Und dass die Organisation nicht selbstständig handelt, sondern auf eine Person zentriert ist.
Wer das erkennt, kann gegensteuern. Mit klarer Haltung, kleinen Regeln und einer Portion Mut zur Veränderung.

Ihr Holger Lehmann
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Über diese Kolumne
In unserer Reihe „Aus dem Leben eines Beraters“ geben unsere Beratenden persönliche Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Sie schildern konkrete Situationen, Herausforderungen und Erfahrungen aus Projekten – und zeigen, wie sie diese im Sinne unserer Kunden gemeistert haben.

👉 Zum Beraterprofil von Holger Lehmann

„Sie sind der Chef, sorgen Sie mal dafür, dass…“ – Wenn informelle Probleme strukturell adressiert werden müssen

„Sie sind der Chef, sorgen Sie mal dafür, dass …“ – ein Satz, der Verantwortung zuweist, aber selten echte Lösungen bringt.

Die Ausgangslage: Papierberge und Prozesslücken

In einem Krankenhaus wurde ich beauftragt, Interviews durchzuführen, um herauszufinden, wie viel papierbasierte Dokumentation im Rahmen der Behandlung noch anfällt. Ziel war es, Wege zu finden, den Papieranteil zu reduzieren. Denn Papierakten, die über Jahrzehnte aufbewahrt werden müssen, verursachen nicht nur Platzbedarf, sondern auch erhebliche Kosten.

Im Zuge der Interviews zeigte sich ein unerwartetes, aber deutlich spürbares Thema: die Arztbriefschreibung. Obwohl klar geregelt, wurden Briefe oft am eigentlichen Prozess vorbei erstellt oder nicht korrekt fertiggestellt. Die Folgen waren teils gravierend: verspätete Versendungen, mangelnde Qualität, zu lange Durchlaufzeiten.

Zwischen Auftragsgrenze und Verantwortung

Auf den ersten Blick fiel dieses Thema nicht in den eigentlichen Projektauftrag. Doch als systemischer Berater stelle ich mir dann die entscheidende Frage: Kann man es trotzdem ignorieren? Die Antwort lautete in diesem Fall ganz klar nein. Denn der unstrukturierte Prozess hatte direkte Auswirkungen auf das übergeordnete Ziel der Digitalisierung.

Ich entschied mich, das Thema mit meinem Auftraggeber zu besprechen. Gemeinsam kamen wir zum Schluss, dass die Verantwortlichen eingebunden werden müssen. Nicht im Sinne eines „Fingerzeigs“, sondern als konstruktiver Schritt zur Verbesserung.

Dialog statt Schuldzuweisung

Gemeinsam mit dem Auftraggeber wurde die Situation schriftlich aufbereitet. Die betreffende Führungskraft erhielt die Unterlagen mit dem Vorschlag, in einem gemeinsamen Gespräch Fragen zu klären, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und konkrete nächste Schritte zu vereinbaren.

Vor dem Gespräch äußerte mein Auftraggeber Bedenken. Die Erfahrung mit ähnlichen Situationen war bisher frustrierend: Rückzug, Vermeidung, kaum echte Auseinandersetzung. Meine Rolle in dem Gespräch war klar. Ich sollte die Situation sachlich schildern und ein lösungsorientiertes Vorgehen vorschlagen, ohne die Verantwortung abzuschieben.

Das Ergebnis: Konstruktive Klarheit statt Konfrontation

Entgegen der Erwartung verlief das Gespräch in einer angenehmen, offenen Atmosphäre. Die Führungskraft zeigte sich ansprechbar, nachvollziehbar interessiert und stimmte dem skizzierten Vorgehen zu. Mein Auftraggeber war sichtlich überrascht. Bisher war so ein Ergebnis intern kaum vorstellbar gewesen.
Es zeigte sich erneut, wie wichtig eine gute Vorbereitung, ein klarer Rahmen und ein dialogorientierter Ansatz sind. Statt „Sie sind der Chef, sorgen Sie mal dafür, dass …“ wurde Verantwortung konstruktiv übernommen.

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Über diese Kolumne
In unserer Reihe „Aus dem Leben eines Beraters“ geben unsere Beratenden persönliche Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Sie schildern konkrete Situationen, Herausforderungen und Erfahrungen aus Projekten – und zeigen, wie sie diese im Sinne unserer Kunden gemeistert haben.

👉 Zum Beraterprofil von Thomas Ziemer

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